Wetter intelligent verstehen

Wetter intelligent verstehen

20. Oktober 2026 Allgemein 0

Wie hoch steht die Paar? Pegel, Prognose und Szenarien für unsere Region

Neu bei Wetter Wittelsbacher Land: eine eigene Seite „Gewässer & Pegel“. Sie zeigt die Messstellen an Paar und Ecknach, vergleicht zwei Prognoseverfahren und lässt dich durchspielen, was Regen oder die Rückhaltebecken mit dem Wasserstand machen könnten.

Wer an der Paar wohnt, kennt die Frage: Steigt sie, oder bleibt es ruhig? Amtliche Pegelwerte gibt es seit Langem, aber meist als Tabellen und Kurven, bei denen man sich Zusammenhänge selbst zusammensuchen muss. Wir haben die Werte der Messstellen in unsere Wetterplattform geholt und mit dem Wetter verbunden: Regen der Region, Pegel flussaufwärts und die Frage, was in den nächsten Stunden und Tagen wahrscheinlich passiert.

Gleich ausprobieren: https://www.wetter-wittelsbacherland.de/#pegel

Was die Seite zeigt

Fünf Messstellen stehen nebeneinander: Mering, Dasing, Aichach (Blauer Steg) und Mühlried an der Paar sowie Blumenthal an der Ecknach. Jede Kachel zeigt den aktuellen Pegel, ob er steigt, fällt oder gleich bleibt, die Veränderung der letzten 2 und 24 Stunden, den Abstand zur amtlichen Meldestufe und den Zeitpunkt der letzten Messung. Ein Klick auf eine Kachel wechselt Bild, Verlauf und Prognose.

Jede Messstelle auf einen Blick: Pegel, Trend, Veränderung, Meldestufe und Messzeit.

Der Verlauf lässt sich für 24 Stunden bis 90 Tage ansehen. Wer die vier Paar-Messstellen vergleichen will, sieht im Diagramm nicht den Wasserstand selbst, sondern seine Veränderung seit Beginn des Zeitraums. Das hat einen fachlichen Grund: Jede Messstelle hat einen eigenen Pegelnullpunkt, 40 cm in Mering sind deshalb etwas anderes als 40 cm in Aichach. So erkennt man trotzdem, wann eine Welle die Stationen flussabwärts erreicht.

Der Verlauf mit Zeitraumwahl von 24 Stunden bis 90 Tage.

Die Prognose: zwei Verfahren im ehrlichen Vergleich

Unter dem Verlauf steht die experimentelle Prognose für die nächsten 6 bis 72 Stunden. Wir setzen dafür zwei datenbasierte Verfahren ein und stellen sie nebeneinander:

  • Boosting lernt aus mehreren Jahren Messdaten, in welchen Lagen der Pegel steigt oder fällt, zum Beispiel nach viel Regen, bei steigendem Pegel flussaufwärts oder bei nassem Boden. Es erkennt auch Schwellen: Kleine Regenmengen bewirken wenig, große überproportional viel.
  • Regression rechnet mit festen Gewichten: Der Pegel später ergibt sich aus dem heutigen Pegel plus Anteilen aus dem Regen der letzten Tage, der Regenvorhersage, dem Pegeltrend und dem Pegel flussaufwärts. Unser einfaches lineares Regressionsmodell ist gut nachvollziehbar, kann komplexe Zusammenhänge und Schwellenwerte jedoch nur eingeschränkt abbilden.

Für die Entwicklung standen Pegel- und Regendaten von 2021 bis Oktober 2026 zur Verfügung. Um die Prognosequalität unabhängig zu überprüfen, trainierten wir die Modelle zunächst mit Daten bis Ende 2025 und testeten sie anschließend anhand neuerer Messwerte ab 2026. Erst danach wurden die produktiv eingesetzten Modelle mit dem erweiterten Datenbestand erneut trainiert.

Boosting für Mering: gemessener Verlauf, Prognose mit Unsicherheitsbereich und der Regen der Region (oben).

  • Boosting war an allen fünf Messstellen besser. Der mittlere Fehler im Test war je nach Messstelle und Vorhersagezeit 4 bis 31 % kleiner. Am deutlichsten ist der Vorteil flussabwärts: In Mühlried lag der Fehler für 24 Stunden im Mittel bei 3,5 statt 5,0 cm.
  • Regression war nur bei Mühlried (alle Vorhersagezeiten) und bei Aichach (6 und 12 Stunden) besser. Bei Mering, Dasing und Blumenthal war sie im Test schlechter als die einfache Annahme.

Deshalb zeigt die Seite dort keine Regressionskurve, sondern die Referenz „Pegel bleibt gleich“ als gepunktete Linie mit ihrem Schwankungsbereich.

Bei Mering war die Regression im Test nicht besser als „Pegel bleibt gleich“. Das Diagramm zeigt deshalb die Referenz.

Der Unsicherheitsbereich wird aus den tatsächlich beobachteten Prognoseabweichungen historischer Testdaten abgeleitet. Er zeigt, wie stark die Vorhersagen bisher geschwankt haben. Für zukünftige Ereignisse, insbesondere bei extremem Hochwasser, ist dies jedoch keine Garantie.

Bei Mühlried tragen beide Verfahren, sie lassen sich direkt vergleichen.

Wichtig: Die Prognose ist ein experimentelles Angebot der KreativWerkstatt Ried. Sie ist kein amtliches Produkt und keine Hochwasserwarnung. Maßgeblich sind der [Hochwassernachrichtendienst Bayern](https://www.hnd.bayern.de/) und die [Hochwasserzentralen](https://www.hochwasserzentralen.de/).

Szenario-Rechner: Was wäre wenn?

Unter den Prognosen gibt es einen kleinen Szenario-Rechner. Mit Schiebereglern lässt sich durchspielen, wie sich der Pegel entlang der Paar ändern könnte, wenn

  • das Rückhaltebecken Putzmühle oder Merching mehr Wasser abgibt (bis 15 m³/s, mit Dauer und Beginn),
  • zusätzlicher Regen fällt (bis 80 mm, mit Dauer und Beginn) oder
  • der Boden trockener oder nasser ist.

Alle Regler starten auf dem aktuellen Stand. Das Ergebnis erscheint als Tabelle für Mering, Dasing, Aichach und Mühlried (Höchststand mit Uhrzeit, Änderung, Abstand zur Meldestufe 1) und als Diagramm.

Der Szenario-Rechner im Ausgangszustand: alle Regler auf dem aktuellen Stand.

Ein Beispiel vom 20. Oktober 2026: Geben beide Becken zwölf Stunden lang je 5 m³/s mehr ab, steigt der Pegel in Mering rechnerisch von 32 auf etwa 84 cm. Die Welle läuft flussabwärts und erreicht Mühlried erst nach rund 34 Stunden. In diesem Durchlauf würde der Pegel in Dasing und Aichach sogar die Meldestufe 1 erreichen. Das ist ein bewusst kräftiges Gedankenspiel: Bei niedrigem Wasserstand wirken zusätzliche Kubikmeter besonders stark, und die Rechnung berücksichtigt nicht, dass Überflutungsflächen eine Welle in der Realität zusätzlich abflachen. Genau dieses Zusammenspiel von Menge, Zeitpunkt und Welle lässt sich mit dem Rechner aber gut nachvollziehen.

Szenario „Beide Becken geben mehr ab“: Wirkung auf die vier Messstellen der Paar.

Der Rechner ist ausdrücklich vereinfacht und keine Vorhersage:

  • Die tatsächlichen Abgaben der Becken sind öffentlich nicht verfügbar, deshalb gelten die Regler als Mehrabgabe gegenüber heute.
  • Fließzeiten entlang der Paar und die Einmündung der Steinach sind aus Messdaten geschätzt.
  • Rückstau, Wehre und Mühlen, Schneeschmelze und Zuflüsse wie die Ecknach sind nicht berücksichtigt.

Daten und Grenzen

Die Pegelwerte stammen vom Gewässerkundlichen Dienst Bayern (Bayerisches Landesamt für Umwelt, CC BY 4.0), der Niederschlag von Open-Meteo. Die Messwerte sind ungeprüfte Rohdaten. Die Werte der Hochwasserrückhaltebecken Putzmühle und Merching veröffentlicht nur der Hochwassernachrichtendienst auf seiner Website, ohne öffentliche Schnittstelle. Deshalb zeigen wir dort keine Werte, sondern verlinken die amtlichen Seiten. Eine Anfrage beim Landesamt für Umwelt, ob wir sie künftig verwenden dürfen, ist geplant.

Der Vergleich der Paar-Messstellen zeigt die Veränderung seit Beginn des Zeitraums, nicht den Wasserstand.

Wie geht es weiter?

Für uns sind die Pegelprognosen erst der Anfang. Wir möchten die Modelle kontinuierlich mit neuen Messwerten überprüfen, zusätzliche Datenquellen erschließen und insbesondere untersuchen, wie zuverlässig sie bei Starkregen und ungewöhnlichen Hochwasserereignissen reagieren.

Gleichzeitig sammeln wir bereits die Vorhersagen verschiedener Wettermodelle und vergleichen sie mit den tatsächlich eingetretenen Bedingungen. Langfristig wollen wir aus diesen Erkenntnissen eigene lernende Modelle entwickeln, die regionale Besonderheiten des Wittelsbacher Landes immer besser berücksichtigen.

So entsteht Schritt für Schritt aus einer Wetterplattform ein regionales Forschungs- und Entwicklungsprojekt, bei dem wir Wetterdaten nicht nur darstellen, sondern Zusammenhänge erkennen und daraus lernen.

Mitmachen

Die Seite ist wie die ganze Plattform eine Beta. Wir freuen uns über Rückmeldungen (an jeder Kachel gibt es „War das hilfreich?“) und über Fotos der Messstellen: Bisher steht überall ein Platzhalter-Foto der Paar, echte Aufnahmen von Mering, Dasing, Aichach, Mühlried und Blumenthal ersetzen es gern. Wer Ideen oder Daten beisteuern möchte, meldet sich bei uns in der KreativWerkstatt Ried.

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